Preiselastizität Milch

Eine interessante Ausarbeitung zum Thema Preiselastizität Milch hat Herr Keckl erstellt, gerichtet an Milcherzeuger:

Preiselastizität:
Die Milch ist zu schwierig für den Einstieg, darum mal der allen Landwirten grob bekannte Kartoffelmarkt. Die Mikroökonomen haben mal den Kartoffelmarkt beobachtet und dann eine Preiselastizität von -0,2 berechnet. Die Kunden haben also auf eine Kartoffel-Preiserhöhung um 1 Prozent mit einer Mengenreduzierung um 0,2% reagiert. Umgekehrt haben die Kunden auf eine Preissenkung um 1% mit einer Mengensteigerung um 0,2% reagiert. Das ergibt eine Preiselastizität von -0,2.

Quelle: www.empiwifo.uni-freiburg.de/lehre-teach...smathematik/week%202

Preiselastizitäten sind immer Kennwerte aus Messungen, z.B. Kunden-Kaufverhalten bei Preisänderungen. Man berechnet aus dem an der Kasse registrierten Kaufverhalten über eine mehr oder weniger lange Formel eine Elastizitätskennziffer. Die ist erst mal für den Messzeitpunkt, die Umgebung und die beteiligten Menschen gültig. Dann geht der Streit unter den Mikroökonomen und Soziologen los, ob denn diese Formel für den Stadtteil, den Kreis, das Land, Europa gütig ist oder erweitert werden kann.
Ob die Formel also nur für die soziologische Zusammensetzung des Testgebietes repräsentativ ist oder für ein weiteres Gebiet und ob die Formel zeitlich bestand haben könnte und alle Einkommensgruppen repräsentiert. Reiche reagieren anders auf Preisänderungen als Arme. Es ist ein wenig wie mit der Statistik allgemein: Die Gegenwart und Vergangenheit kann man - relativ - gut abbilden, aber Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen, um mal das Bonmot zu benutzten.

Für Kartoffeln ist die damals gemessene Preiselastizität für mich als Ernteermittler etwas einfacher abzuschätzen. Also, so wie ich die Mengen und Preise für Kartoffeln jedes Jahr einschätze, ist die Preiselastizität für Kartoffeln eher noch geringer als diese Formel angibt. Wenn wir nur eine geringe Ernte über den Bedarf haben, sinkt der Preis rapide und es wird trotzdem kaum mehr von den billigen Kartoffeln gekauft (Preiselastizität von nahe Null). Haben wir nur eine knappe Ernte, steigen die Kartoffelpreise rasant, ohne dass die Kunden viel weniger von den nun teuren Kartoffeln essen. Erst spät, wenn die Kantinen aussteigen oder ganz Arme, weitere Import-Exporte Wege lohnnend werden, dann reagieren die Verkaufs-Mengen und die Preisspitze/Preistal ist erreicht.

Bei Kartoffeln kann, wie klassisch bei Salz (Preiselastizität = 0, würde zu fast jedem realistischen Preis in unveränderter Menge gekauft), der Preis heute sein wie er will, die Leute essen ihre Kartoffelmengen wie sie es gewohnt sind. Das hat, wie gesagt, den großen Nachteil, dass bei einer etwas zu hohen Ernte kaum einer öfter Kartoffeln isst und deswegen die Preise tief stürzen und bei einer nur geringfügig knappen Ernte die Preise enorm hoch gehen, weil die Leute lange nicht auf Nudel, Reis etc. umsteigen. Die Norddeutschen sind da ja besonders unflexibel bei Kartoffeln. Die wetterabhängige Kartoffelernte kann man schlecht steuern, deswegen haben wir immer wildere Kartoffelmärkte. Heute verdienen Menschen alle soviel oder erhalten so viel Lohnersatzleistung, dass sie sich Kartoffeln zu den Preisen, in den üblichen Preisschwankungen, ohne große anderweitige Einschränkungen, leisten können. Da wird nicht so auf den Preis gekuckt, von Kartoffeln braucht der Norddeutsche immer sein Quantum.

Nun erst zur viel komplizierteren Milch:

Im obigen Dokument der Uni Freiburg wird für Milch eine Preiselastizität in Abhängigkeit vom den Preisänderungen und dem Einkommensänderungen (Nettoeinkommen) angegeben. Arme Leute kaufen weniger Milch, wenn sie teuerer wird, Reiche tangiert das weniger. In einer ZMP-Marktforschungsstudie hat man diesen Zusammenhang erst kürzlich wieder gemessen

www.zmp.de/agrarmarkt/branchen/verbrauch...auf_Lebensmittel.asp

Das ist aber alles eher theoretisch, als dass es praktisches Verkaufen von Milch/Milchprodukten prinzipiell erleichtert. Dass ich keine alberne Bananenmilchshake-Nuckelflasche in einkommensschwachen Stadtteilen verkaufen kann, weiß jeder Supermarktmitarbeiter dort. Die würde da mehr geklaut als gekauft. Damit muss ich z.B. in die Verbrauchermärkte am Stadtrand, wo schon das Auto eine Vorauswahl der Einkommensgruppen erledigt.

Bei Milch war es in den 50er Jahren noch so, dass sie (im Prinzip) kosten konnte was sie wollte, die Leute haben eine feste Menge gekauft. Im Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften (HdWW), Band 2 wird auf Seite 357 noch die Preiselastizität für Milch mit dem Faktor Null angegeben. Die Leute kaufen die Menge, die sie brauchen, mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. Die Milch hatte damals aber schon eine Einkommenselastizität von +0,7, also die "Besserverdiener" verbrauchten mehr Milch, konnte sich KABA, Griesbrei und Pudding etc. öfter oder überhaupt leisten. Damals gab es auch nur eine Sorte Milch und die durfte auch nur in lizensierten Milchläden verkauft werden. Die Molkereien hatten feste Versorgungsgebiete und damit Konkurrenzschutz. Die (gegenüber heute) mangelhafte Hygiene (Kühlung) führte zu einer starken staatlichen Reglementierung des Marktes aus Gesundheitsgründen. Milchwerke waren oft „Milchhöfe“ im Teilbesitz der Kommunen (wie Stadtwerke heute) und wurden wie eine Behörde geführt, Milch-Genossenschaften trugen ja lange an dem Erbe.


Heute ist es nur noch bei z.B einer Familie mit 4 Kindern und geringem Einkommen so, dass hier eine Preiselastizität für ihren Milchkonsum von nahe Null gemessen werden könnte. Milch ist für ihren Nähr- und Gesundheitswert zu jedem bisherigen Preis konkurrenzlos billig und gut, da können verantwortungsvolle Geringverdiener mit Kindern nicht ausweichen. So viel ich mich erinnere, kaufen Familien mit Kindern um die 45% der Trinkmilch.

In der Grafik von gestern ist ja auch bei Milch kein so krasser Zusammenhang zwischen den Säulen der Preisveränderung und Mengenveränderung festzustellen wie bei Butter. Auf die Preissenkungen im April 2008 bei Frischmilch haben die Kunden übrigens mit deutlicheren Vorratskäufen reagiert. Ich hoffe, die ZMP bringt die Grafiken mit aktuellen Zahlen für Milch, Schnittkäse, Butter und Joghurt, - so die heute wichtigsten Produktgruppen – in ihrem „kostenlos“ -Bereich.

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Dass die Kunden bei dem „Billigartikel“ Milch bei Preiserhöhungen gleich mit Hamsterkäufen (H-Milch macht’s möglich) reagieren, ist merkwürdig, aber ist halt so. Benzin und Kühl-Strom für den Extra-Einkauf kosten vermutlich mehr, als sie sparen. Aber man darf nie den Fehler des Bauernverbandes machen und die Kunden kritisieren. Der Milcherzeuger hat sich, wenn er alle 7 Markt-Sinne beieinander hat, bei jeder Packung Milch / Käse etc. glücklich zu zeigen und die Kundin zu loben, dass die Kundin Milch/Milchprodukte im Einkaufwagen hat (auch wenn der Erzeuger sich ärgert, dass die Kundin auf den Preis kuckte und eher die Billig-Schiene kaufte). Zeigen darf das ein Verkäufer niemals oder so alberne Plakate machen wie „Milch ist mehr Wert“ oder die Billig-Milchtüten um den Einkaufswagen der Kundin protestierend rumlaufen zu lassen, statt sie fröhlich in den Einkaufswagen hopsend zu zeigen.

Manche Jammer-Plakate an den Stallwänden fördern auch nicht gerade den Milchabsatz, dienen eher der Verbands-Psychologie als dem Milchverkauf. Da müssen lecker Bilder hin und nicht dröger Protest. Von den Dauer-Leichenbitterminen der seit ewig existenzbeängstigten und immer noch lebenden Verbandsoberen geht auch kein Kaufimpuls aus. Manche haben ja schon eine Verzweiflungs-Dauermimik wie die Existenzkrise in Marmor.

Bei den heutigen Milcharten (H-Milch) und bei den Einkaufsstätten wechseln die Leute durchaus, wenn die Preise sich ändern. Heute haben sie mehr Milcharten und die Milch darf fast überall verkauft werden. Bei Preiserhöhungen kauf man 1,5% Milch, geht zu Penny statt zu Stadtteilsupermarkt oder nimmt im Stadtteilsupermarkt die "Weiße" Tüte statt der blauen. Es gibt heute eine deutlichere Mengenreaktion auf Milch-Preise als früher.

Wenn es also so wäre, dass der Milcherzeuger hauptsächlich, wie 1955, für den Frischmilchbereich und Butter produzieren würden und die Leute fast alle nur sehr geringe Gehälter und viele Kinder hätten, dann würde das noch stimmen, dass die Milch eine sehr geringe Preiselastizität hat, dass die Leute in einem weiten Preis-Bereich Ihre Milch in gleichbleibenden Mengen kaufen würden, es also kaum eine Mengenreaktion auf Preisveränderungen geben würde, siehe zweiten Link.

www.zmp.de/agrarmarkt/branchen/verbrauch...auf_Lebensmittel.asp

Das war ja auch der Denkfehler von Herrn Schaber und Herrn Sonnleitner zum Ende des Milchstreikes. Sie dachten wohl, wenn der Trinkmilchpreis und der Butterpreis steigen, dann würde der Milchpreis für die Bauern in ähnlichen Verhältnissen steigen. Das war falsch und zumindest die Berater des Herrn Sonnleitner hätten das sagen können.

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Die Milch, die der Milcherzeuger heute produziert, ist zu mehr als der Hälfte ein (etwas übertrieben) „Luxusprodukt“ und kein Grundnahrungsmittel mehr (allein schon 45% der angelieferten Milch wird heute für Käse verwendet, auch früher ein Artikel den sich ein Durchschnitts-Arbeiter nur als Schmelzkäsecke leisten konnte). Wäre sie nur Grundnahrungsmittel, bräuchten wir nur die Hälfte der heute erzeugten Mengen. Das Bild zeigt eine Milchproduktpalette, bei der jedes Produkt eine eigene Preiselastizität hat. Das ist Ihr Absatzmarkt! Und bei diesen Produkten gibt es überall "Kreuzelastizitäten", das heißt, dass (klassisch) Margarine statt Butter gekauft wird, Einfachjoghurt statt Sahnejoghurt, abgepackter Käse statt Thekenkäse, Wurst oder Marmelade statt Frischkäse/Quark.



Es gibt gar keine Preiselastizität für Rohmilch, die kaufen ja nur die Molkereien und nicht die Verbraucher. Da gibt es nichts zu messen, da besteht auch nur noch ein ganz geringer Zusammenhang mit dem Kauf von Konsummilch, da die meiste Milch heute für – etwas zu deutlich gesagt – überflüssige Luxus-Artikel verwendet wird. Und diese Luxusartikel reagieren stärker und anders auf Preise als früher die Milch in den Milchgeschäften.

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Bedenken Sie bei der Grafik bitte, dass sie für 1 kg Butter > 20 kg Milch brauchen und für 1 kg Käse im Schnitt 10 kg Milch. So wie der Verzehrgewohnheiten heute sind, haben wir einen hohen Milcheinsatz für hoch veredelte Produkte, eben im einem etwas strengen und altbackenen Sinne, Luxusprodukte. Mit dem Bedarf für die Grundnahrungsmittel Trinkmilch und Butter bräuchten sie heute nicht mal die Hälfte der Milch, die heute tatsächlich geliefert wird.

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Ihr Milchpreis hängt heute im Schnitt stark von Joghurt, Käse und solchen Sachen in bunten Bechern ab. Wenn diese Produkte mit ihrem hohem Rohmilcheinsatz gut laufen, zieht es den ganzen Milch-Preis für die Erzeuger (über die damit ausgelöste Nachfrage nach Rohmilch) hoch. Bei den meisten Molkereien bleibt weniger als 1 Cent des Milchpreises "hängen". An Butter wird nichts verdiet, da sollen die Importe ruhig rein, wenn wir dafür viele bunte Becher exportieren, dann geht es uns gut.


Der Hersteller von Gorgonzola o.a. wird vermutlich weniger Umsatzrückgang bei einer Preiserhöhung haben als der Hersteller eines Massen-Fruchtjoghurts. Gorgonzola kaufen – nehme ich an – Leute mit Geld und in Eile in diesen schrecklichen Märkten, Fruchtjoghurt auch Familien mit notorischem Defizit auf dem Konto, die ewig Preise vergleichen und Stunden im Markt sind –das sind übrigens mehr als man denkt.

Der von Ihnen vermutlich nicht so geliebte MIV hat übrigens die ZMP-Studie kurz zusammengefaßt und meint auch, und da kann man nur auf den Schluß kommen, dass die Kunden im heutigen Hauptsortiment recht sensibel sind und frühere Annahmen nicht mehr gelten:

www.milchindustrie.de/de/teaser_2008/aus...fuer_nahrungsmittel/



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