Droht den Milchbauern ein “Schweinezyklus"?
10.10.2009 Katerogie: Milchmarkt
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
von Georg Keckl
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/09/28/droht-den-milchbauern-ein-schweinezyklus/
In Bayern geht unter Agrar-Journalisten zurzeit der Schweinezyklus um. Auch Verbandsvertreter haben den “Schweinezyklus” als Beispiel für Marktpreisschwankungen entdeckt, ziehen Parallelen zum Milchpreis. Man muss nun aufpassen, dass man den Milcherzeugern mit dem “Schweinezyklus” nicht Angst macht, die Preise würden, wenn denn nicht in eine bestimmte Richtung eingegriffen würde, ständig Jo-Jo spielen, ähnlich wie von Juni 2007 bis heute, also, wie der Schweinepreis, extrem schnell und stark schwanken (vgl. Grafik 1).
Die Ursachen der Preisschwankungen bei Milch von 2007 bis heute haben mit den Ursachen von “Schweinezyklen” nichts zu tun. Der Anstieg des Milchpreises 2007 war “ungesund”, die Preis-Talfahrt ab 2008 war die “Verbrauchsein schränkungs-Quittung” der (speziell Groß-) Verbraucher, die durch die Wirtschaftskrise zusätzlich um einen unbekannten Faktor verstärkt wurde.
Die Reporter und Funktionäre im Süden haben sich wohl noch an frühere Vorlesungen aus dem Fach Volkswirtschaft erinnert, in dem der “Schweinezyklus”, als Beispiel für verzögerte Marktanpassungen mit folgenden Übersteuerungseffekten, studiert werden musste. Leider vergaß man wohl die Schlusssätze des Professors: “Der Schweinezyklus kann so heute nicht mehr festgestellt werden”. Die Schweinebauern haben diesen Zyklus, der in den 1930er Jahren festgestellt wurde, schließlich auch mitbekommen und haben darauf reagiert, verhielten sich antizyklisch, investierten auch, wenn der Preis unten war.
Der Schweinezyklus funktionierte bei Mastschweinen in den 30er Jahren und später, als der Standardbetrieb ein “Mischbetrieb” war.
Fast alle Milcherzeuger hatten damals zum Beispiel auch Schweine, um die Magermilch (bestes Milcheiweiß) zu verwerten. Das kann man sich heute gar nicht vorstellen, wo Milcheiweiß teurer als Milchfett ist und wir bei der Milch auf der “Eiweißwelle” (Joghurt, Käse, Quark) schwimmen, an der “Magermilch” bald mehr verdient wird, als am inzwischen manchmal etwas absurd vorurteilsbeladen gesehenen Milchfett.
Diese Mischbetriebe, für die ja die Schweinemast nur ein Zubrot war, stallten schon mal weniger Ferkel auf, wenn der Schweinefleischpreis unten war. So kam es oft ein halbes Jahr (lange Mastdauer, geringes Ferkelgewicht, schwere Schweine, relativ geringe Zunahmen damals) nach niedrigen Fleischpreisen, wegen des “Nachwuchsmangels”, zu starken Preisanstiegen. Andersherum kam es ein halbes Jahr nach hohen Fleischpreisen wegen der zunehmenden Zahl der Schlachtschweine zu sinkenden und eine Weile tief verharrenden Fleischpreisen. Die Preishochs und -tiefs verzögerten sich immer etwas, da ja die Sauen und Ferkel nicht so schnell da waren, die Ferkelpreisentwicklung die Bewegung auch bremste oder beschleunigte. Der Zyklus war gleichmäßig, fast schon vorhersehbar, darum fand er Eingang in Volkswirtschaftslehre als Beispiel für eine verzögerte Marktanpassung mit Übersteuerungstendenz. Die gleichmäßigen Schwankungen des Schweinepreises gibt es heute nicht mehr (vgl. Grafik 1), das wäre ja auch zu schön für unsere modernen Schweinemäster, wenn sie immer im Voraus die Preise wissen würden.
Wie ist es aber nun bei der Milch nach 2015, wenn die erwartete, “quotenfreie” Mehrproduktion einsetzt?
Wird es denn überhaupt eine Mehrproduktion bei Milch geben, wenn die Quote fällt? Von einigen Ländern in der EU weiß man, dass es keine Mehrproduktion geben wird, da sie schon heute ihre Quote bei weitem nicht erfüllen und die Preise für die Milchquoten dort schon länger am Boden sind. Bei den “Milchspezialisten” in Mitteleuropa weiß man in der Tat nicht, wie weit denn Sie ihre Produktion ausdehnen würde, wenn die Strafandrohung der “Superabgabe” nicht mehr da ist. Eine Pendelbewegung durch Aufstallen und Nicht-Aufstallen wird es aber nicht geben. Wer bei Milch oder Schweinen heute moderne Ställe hat, kann nicht auf Zeiten spekulieren, muss kontinuierlich dabei bleiben oder ganz aussteigen. In die Milch kann man noch weniger beliebig ein- und aussteigen wie bei Mastschweinen. Wer nach 2015 aus der Milch aussteigt, hat keine Quote mehr zum Weiterreichen, der senkt die Erzeugung tatsächlich.
Betriebsaufgaben und die ganze Mengenentwicklung kann man nach 2015 nicht mehr nur national betrachten. Wenn in England, das sich wenig um seinen Milcherzeuger kümmert, immer mehr Milcherzeuger aufgeben, wird das von Irland und uns Nordsee-Anrainern ersetzt. Wenn im Mittelmeerraum mehr Milcherzeuger aussteigen, wird das auch von uns aus bedient werden. Riviera und Adria liegen näher an Süddeutschland (550km) als an Norddeutschland (700km), das wird noch mehr unser Milch- und Milchprodukte-Absatzmarkt werden, als er es jetzt schon ist. Seit es die Milchquoten gibt, hat Italien bei jeder anstehenden Verlängerung der Milchquotenreglung immer extrem um mehr Quoten (für sich) gestritten. Aber die Zeiten, wo die Milch am Verhandlungstisch verteilt wurde, gehen zu Ende, nun muss sich auch Italien dem Wettbewerb mehr stellen. Da ist es schon merkwürdig, wenn der italienische Agrarminister Zaia am 21.7.09 am Brenner einen Milchlaster aus dem Allgäu kapert und oben vom Milchtank aus, dabei bekam er von den Landwirten Beifall wie ein Popstar, gegen die Milchimporte aus Deutschland protestierte.
Wer zu sehr auf “Regionalität” als Wundermittel gegen die bessere Konkurrenz setzt, sei an einen Fehler der Engländer aus dem Jahr 1887 erinnert. Damals machten Industriewaren aus dem nach der Reichsgründung 1871 aufstrebenden Deutschland den Engländern schwere Konkurrenz. Deswegen, um deutsche Ware als solche zu erkennen, musste alle Importware nun den Herkunftsstempel “Made in …” tragen. Die deutsche Industrie protestierte heftig, weil sie Absatzeinbrüche befürchtete. Das Gegenteil trat ein. “Made in Germany” wurde zum Markenbegriff! Gute Qualität zum günstigen Preis setzt sich durch, nicht regionale Mauscheleien gegen den Besseren. Wer den eigenen Standort, die Erzeuger, die Molkereien, die Erzeugungsbedingungen, ständig ins Optimum steuert, macht das Geschäft, nicht der mit den „richtigen“ Nationalfarben auf dem Produkt, das sich sonst womöglich nicht verkauft.
Nach 2015 wird mitteleuropäische Milch in die Länder drängen, die heute schon keinen rechten Milch-Elan mehr haben, wird die dortige Milch ersetzen und verdrängen, wie die Küsten- und Alpenmilch bei uns die Ackerbau-Milch ersetzt hat. Der Fall der Quote in Europa wird den Export-Ländern nutzen, die stark in der Milch sind, dazu gehört auch Deutschland. Ab 2015 wird es hier eventuell eine höhere Inlandserzeugung geben, aber vermutlich auch höhere Exporte. Der Fall der Quote bietet einem guten Milchstandort, guten Erzeugern und gewitzten Molkereien, auch Chancen im europäischen Wettbewerb, das sollte man nicht vergessen.
Wenn in England und Schweden die Milchquoten immer weniger ausgenutzt werden, kann das durchaus ein Zeichen für den Niedergang der Milch- und Molkereiwirtschaft sein, aber dort, nicht bei uns. Wir sollten davon profitieren, wie die Dänen und Niederländer, die auch schon Stilaugen bekommen, so beobachten sie diese Märkte.
Links zum Schweinezyklus: [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Schweinezyklus
nett erklärt (”Grunz”-sätzliches): [5] http://wwwu.uni-klu.ac.at/gossimit/lv/usw00/w/g4/Schweinzyklus.swf
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von Georg Keckl
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In Bayern geht unter Agrar-Journalisten zurzeit der Schweinezyklus um. Auch Verbandsvertreter haben den “Schweinezyklus” als Beispiel für Marktpreisschwankungen entdeckt, ziehen Parallelen zum Milchpreis. Man muss nun aufpassen, dass man den Milcherzeugern mit dem “Schweinezyklus” nicht Angst macht, die Preise würden, wenn denn nicht in eine bestimmte Richtung eingegriffen würde, ständig Jo-Jo spielen, ähnlich wie von Juni 2007 bis heute, also, wie der Schweinepreis, extrem schnell und stark schwanken (vgl. Grafik 1).
Die Ursachen der Preisschwankungen bei Milch von 2007 bis heute haben mit den Ursachen von “Schweinezyklen” nichts zu tun. Der Anstieg des Milchpreises 2007 war “ungesund”, die Preis-Talfahrt ab 2008 war die “Verbrauchsein schränkungs-Quittung” der (speziell Groß-) Verbraucher, die durch die Wirtschaftskrise zusätzlich um einen unbekannten Faktor verstärkt wurde.
Die Reporter und Funktionäre im Süden haben sich wohl noch an frühere Vorlesungen aus dem Fach Volkswirtschaft erinnert, in dem der “Schweinezyklus”, als Beispiel für verzögerte Marktanpassungen mit folgenden Übersteuerungseffekten, studiert werden musste. Leider vergaß man wohl die Schlusssätze des Professors: “Der Schweinezyklus kann so heute nicht mehr festgestellt werden”. Die Schweinebauern haben diesen Zyklus, der in den 1930er Jahren festgestellt wurde, schließlich auch mitbekommen und haben darauf reagiert, verhielten sich antizyklisch, investierten auch, wenn der Preis unten war.
Der Schweinezyklus funktionierte bei Mastschweinen in den 30er Jahren und später, als der Standardbetrieb ein “Mischbetrieb” war.
Fast alle Milcherzeuger hatten damals zum Beispiel auch Schweine, um die Magermilch (bestes Milcheiweiß) zu verwerten. Das kann man sich heute gar nicht vorstellen, wo Milcheiweiß teurer als Milchfett ist und wir bei der Milch auf der “Eiweißwelle” (Joghurt, Käse, Quark) schwimmen, an der “Magermilch” bald mehr verdient wird, als am inzwischen manchmal etwas absurd vorurteilsbeladen gesehenen Milchfett.
Diese Mischbetriebe, für die ja die Schweinemast nur ein Zubrot war, stallten schon mal weniger Ferkel auf, wenn der Schweinefleischpreis unten war. So kam es oft ein halbes Jahr (lange Mastdauer, geringes Ferkelgewicht, schwere Schweine, relativ geringe Zunahmen damals) nach niedrigen Fleischpreisen, wegen des “Nachwuchsmangels”, zu starken Preisanstiegen. Andersherum kam es ein halbes Jahr nach hohen Fleischpreisen wegen der zunehmenden Zahl der Schlachtschweine zu sinkenden und eine Weile tief verharrenden Fleischpreisen. Die Preishochs und -tiefs verzögerten sich immer etwas, da ja die Sauen und Ferkel nicht so schnell da waren, die Ferkelpreisentwicklung die Bewegung auch bremste oder beschleunigte. Der Zyklus war gleichmäßig, fast schon vorhersehbar, darum fand er Eingang in Volkswirtschaftslehre als Beispiel für eine verzögerte Marktanpassung mit Übersteuerungstendenz. Die gleichmäßigen Schwankungen des Schweinepreises gibt es heute nicht mehr (vgl. Grafik 1), das wäre ja auch zu schön für unsere modernen Schweinemäster, wenn sie immer im Voraus die Preise wissen würden.
Wie ist es aber nun bei der Milch nach 2015, wenn die erwartete, “quotenfreie” Mehrproduktion einsetzt?
Wird es denn überhaupt eine Mehrproduktion bei Milch geben, wenn die Quote fällt? Von einigen Ländern in der EU weiß man, dass es keine Mehrproduktion geben wird, da sie schon heute ihre Quote bei weitem nicht erfüllen und die Preise für die Milchquoten dort schon länger am Boden sind. Bei den “Milchspezialisten” in Mitteleuropa weiß man in der Tat nicht, wie weit denn Sie ihre Produktion ausdehnen würde, wenn die Strafandrohung der “Superabgabe” nicht mehr da ist. Eine Pendelbewegung durch Aufstallen und Nicht-Aufstallen wird es aber nicht geben. Wer bei Milch oder Schweinen heute moderne Ställe hat, kann nicht auf Zeiten spekulieren, muss kontinuierlich dabei bleiben oder ganz aussteigen. In die Milch kann man noch weniger beliebig ein- und aussteigen wie bei Mastschweinen. Wer nach 2015 aus der Milch aussteigt, hat keine Quote mehr zum Weiterreichen, der senkt die Erzeugung tatsächlich.
Betriebsaufgaben und die ganze Mengenentwicklung kann man nach 2015 nicht mehr nur national betrachten. Wenn in England, das sich wenig um seinen Milcherzeuger kümmert, immer mehr Milcherzeuger aufgeben, wird das von Irland und uns Nordsee-Anrainern ersetzt. Wenn im Mittelmeerraum mehr Milcherzeuger aussteigen, wird das auch von uns aus bedient werden. Riviera und Adria liegen näher an Süddeutschland (550km) als an Norddeutschland (700km), das wird noch mehr unser Milch- und Milchprodukte-Absatzmarkt werden, als er es jetzt schon ist. Seit es die Milchquoten gibt, hat Italien bei jeder anstehenden Verlängerung der Milchquotenreglung immer extrem um mehr Quoten (für sich) gestritten. Aber die Zeiten, wo die Milch am Verhandlungstisch verteilt wurde, gehen zu Ende, nun muss sich auch Italien dem Wettbewerb mehr stellen. Da ist es schon merkwürdig, wenn der italienische Agrarminister Zaia am 21.7.09 am Brenner einen Milchlaster aus dem Allgäu kapert und oben vom Milchtank aus, dabei bekam er von den Landwirten Beifall wie ein Popstar, gegen die Milchimporte aus Deutschland protestierte.
Wer zu sehr auf “Regionalität” als Wundermittel gegen die bessere Konkurrenz setzt, sei an einen Fehler der Engländer aus dem Jahr 1887 erinnert. Damals machten Industriewaren aus dem nach der Reichsgründung 1871 aufstrebenden Deutschland den Engländern schwere Konkurrenz. Deswegen, um deutsche Ware als solche zu erkennen, musste alle Importware nun den Herkunftsstempel “Made in …” tragen. Die deutsche Industrie protestierte heftig, weil sie Absatzeinbrüche befürchtete. Das Gegenteil trat ein. “Made in Germany” wurde zum Markenbegriff! Gute Qualität zum günstigen Preis setzt sich durch, nicht regionale Mauscheleien gegen den Besseren. Wer den eigenen Standort, die Erzeuger, die Molkereien, die Erzeugungsbedingungen, ständig ins Optimum steuert, macht das Geschäft, nicht der mit den „richtigen“ Nationalfarben auf dem Produkt, das sich sonst womöglich nicht verkauft.
Nach 2015 wird mitteleuropäische Milch in die Länder drängen, die heute schon keinen rechten Milch-Elan mehr haben, wird die dortige Milch ersetzen und verdrängen, wie die Küsten- und Alpenmilch bei uns die Ackerbau-Milch ersetzt hat. Der Fall der Quote in Europa wird den Export-Ländern nutzen, die stark in der Milch sind, dazu gehört auch Deutschland. Ab 2015 wird es hier eventuell eine höhere Inlandserzeugung geben, aber vermutlich auch höhere Exporte. Der Fall der Quote bietet einem guten Milchstandort, guten Erzeugern und gewitzten Molkereien, auch Chancen im europäischen Wettbewerb, das sollte man nicht vergessen.
Wenn in England und Schweden die Milchquoten immer weniger ausgenutzt werden, kann das durchaus ein Zeichen für den Niedergang der Milch- und Molkereiwirtschaft sein, aber dort, nicht bei uns. Wir sollten davon profitieren, wie die Dänen und Niederländer, die auch schon Stilaugen bekommen, so beobachten sie diese Märkte.
Links zum Schweinezyklus: [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Schweinezyklus
nett erklärt (”Grunz”-sätzliches): [5] http://wwwu.uni-klu.ac.at/gossimit/lv/usw00/w/g4/Schweinzyklus.swf
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